Philosophie

Wuff, seid mir gegrüßt, ihr zweibeinigen und vierbeinigen Wesen! Gestatten, ich bin Shilo. Da es in diesem Kapitel um Philosophie geht, meinte meine Zweibeinerin, ich sei der richtige Ansprechpartner, um dieses Thema 'rüberzubringen.

 

Nun, was gibt es da zu sagen? Ich schildere Euch am besten mal meine Sicht der Dinge. Mit 9 Wochen bin ich bei meiner Familie eingezogen. Meine Familie bestand zu dem Zeitpunkt aus 2 Menschen und einem anderen Vierbeiner, der mittlerweile über die Regenbogenbrücke gegangen ist: weiblich, getigert und — stellt Euch vor! — der konnte immer durch so eine Klappe aus dem Haus heraus und musste gar nicht warten, bis ihm jemand die Tür öffnet.

 

Bei mir war das anders. Ich war immer da, wo einer meiner Zweibeiner war, meistens zumindest. Die paar Minuten, die ich anfangs alleine war, habe ich gar nicht bemerkt. Wir haben viele Dinge zusammen unternommen, direkt von Anfang an. Mir wurde die Welt gezeigt, also alle Dinge, die ich auch heute in mein Leben integriert habe. So habe ich viele gute Erfahrungen gemacht, mit anderen Zweibeinern und natürlich mit meinen Artgenossen. Ich mag sie einfach alle (na ja, fast alle, aber wer von Euch mag auch schon jeden einzelnen Menschen?), von den kleinen Chihuahuas bis hin zu den großen Doggen. Viele davon habe ich in einer Hundetagesstätte kennengelernt, andere auf Spaziergängen. Ich mag Radfahrer, Jogger, Walker (das sind die Leute mit den Stöcken!), eigentlich alle. Sogar den Postboten!

 

Und der Mann von DHL kommt mich immer knuddeln, nachdem er seine Pakete bei uns abgeliefert hat. Ich weiß gar nicht genau, warum das so ist, aber mir gefällt's! Fast überall darf ich mit hin und die meisten Dinge habe ich über Spiel und Futter gelernt. Und über so ein Geräusch, das das Futter ankündigt. "Klassische Konditionierung" sei das, sagt meine Zweibeinerin. Meine Zweibeinerin hat mir alle Dinge erklärt, auf eine Weise, wie ich sie verstehen kann. Und sie hat das verstärkt, was ich gut kann und mich viel Neues selbst erkunden lassen. Ich glaube schon, dass ich deshalb heute ziemlich offen bin für alle neuen Gegebenheiten. Sie hat darauf geachtet, dass sich Erlebnisse und Ruhezeiten abwechseln. Sie ist mein sicherer Hafen, wenn wir unterwegs sind. Obwohl ich den gar nicht so häufig in Anspruch nehme, denn ich bin sehr neugierig, müsst ihr wissen. "Sicher gebunden", sagt sie dazu. Aber wenn es drauf ankommt, verlasse ich mich voll und ganz auf sie. Sie regelt meinen Alltag.

 

Je mehr ich gelernt habe, desto selbstbewusster bin ich geworden. Irgendwie war es immer mehr ein " hin zu" statt ein "weg von". Und deshalb freue ich mich auch heute darüber, neue Dinge kennenzulernen. Vor ein paar Wochen haben wir Jäger getroffen, die im Wald geschossen haben. Fand ich toll. Die Atmosphäre und all die Aufregung, die da in der Luft lag. Die Rehe hätte ich auch gerne mitgejagt. Durfte ich leider nicht. "Management ist angesagt", war ihre Antwort auf meinen erfreuten Blick, bevor sie mich anleinte und mich ruhig an all dem Trubel vorbeiführte.

 

Alles in allem hat sie verstanden, dass ich alles Mögliche mache, wenn nur die Belohnung stimmt. Oder die Aussicht auf eine Belohnung da ist. "Den Glücksspielautomaten aktivieren", nennt sie das. Und sie hat ein ziemlich gutes Gespür dafür entwickelt, welche Belohnung in welcher Situation mich ganz besonders erfreut und mich weiterhin motiviert. Neue Dinge über Futter zu lernen, ist die halbe Miete. Aber genauso klar ist allerdings, dass ich nicht über Futter geführt werden kann. Ich habe schon verstanden, wo die Grenzen liegen und bin zufrieden mit meiner Position innerhalb meiner Familie. Aber auch diese Grenzen sind mir auf eine Art und Weise vermittelt worden, die mein freudiges Wesen unterstützt hat. "Erziehung ist ein immer fortdauernder Weg", meint meine Zweibeinerin. Ich bin ein recht freier Hund, und ich sehe an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie sich freut, mich glücklich zu sehen.

 

Ich kann mich auf meine Zweibeiner verlassen. Sie sind meine Welt, so wie ich sie brauche. Zuverlässig, konsequent und in ihren Handlungen voraussehbar, angemessen in der Korrektur und niemals nachtragend.

 

Ich wünsche mir, dass auch ihr mit euren vierbeinigen Freunden eine Ebene des gemeinsamen Verständnisses findet, und wenn ich im Training dabei helfen kann, freut mich das um so mehr. Sicherlich springt die eine odere andere Belohnung auch für mich dabei raus, und darauf kommt es ja letztendlich an. Und natürlich auf den Spaß, den wir dabei zusammen haben!

 

Apropos Belohnung und Spaß: Ich muss dann mal los — Training steht an — das hab ich mir jetzt auch redlich verdient!

 

Haarige Grüße,

 

Shilo
 
 

"Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen.

Ziehen Sie statt dessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden."

(Edward Hoagland)

© 2019 Tina Kilian, 45472 Mülheim an der Ruhr

"Wuff!"